An einem Abend im November lud das Kapuziner gemeinsam mit RavensBuch und TAVIR zu einer besonderen Lesung ein: Unter dem Titel „Michael Roth trifft Lothar Kuld“ ging es um Politik, persönliche Brüche und die Frage, wie man in aufgeheizten Zeiten bei sich selbst bleiben kann. Michael Roth las aus seinem Buch, in dem er offen über die „Zonen der Angst“ in der Berufspolitik schreibt – über innerparteiliche Machtkämpfe, den öffentlichen Pranger, wenn man die Rituale und die Sprache der eigenen Bubble infrage stellt, und über das falsche politische Spiel mit gesellschaftlichen Ängsten. Dabei schonte er weder frühere Weggefährt*innen noch sich selbst und sprach auch darüber, was all das mit ihm persönlich gemacht hat.
Roth blickte im Gespräch auf fast drei Jahrzehnte im Deutschen Bundestag zurück, in denen er als direkt gewählter SPD-Abgeordneter, europapolitischer Sprecher seiner Fraktion, Generalsekretär der hessischen SPD und später als Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt Verantwortung getragen hat. Zugleich berichtete er davon, wie er nach der letzten Bundestagswahl selbstbestimmt aus der Politik ausgestiegen ist und bereits zwei Jahre zuvor seine mentale Erkrankung öffentlich gemacht hatte – ein Schritt, über den an diesem Abend sehr offen gesprochen wurde.
Da der ursprünglich angekündigte Moderator Peter Unfried verhindert war, übernahm Lothar Kuld kurzfristig die Gesprächsleitung. In ruhiger, zugewandter Atmosphäre entwickelte sich ein Dialog, der Raum für Nachfragen, Widerspruch und eigene Erfahrungen ließ. Viele Besucher*innen nutzten die Gelegenheit, im Anschluss an Lesung und Gespräch weiter ins Gespräch zu kommen – über politische Kultur, persönliche Verletzlichkeit und darüber, wie man in einer lauten Zeit differenziert bleiben kann.
